Selektiver Mutismus - Was ist das?


Im Folgenden möchte ich Ihnen gerne anhand eines Auszugs aus meiner Master-Thesis (Oppermann, 2014, S. 4ff.) die Symptomatik bzw. das Erscheinungsbild des Selektiven Mutismus näher erläutern.


Von selektivem Mutismus betroffene Personen sind über einen aus Sicht von Außenstehenden ungewöhnlich langen Zeitraum selektiv (ausgewählt) stumm (mutus) (Bahr, 2012, S. 14). Es handelt sich bei dieser Störung um ein

 

… dauerhaftes, wiederkehrendes Schweigen in bestimmten Situationen (z. B. im Kindergarten, in der Schule) und gegenüber bestimmten Personen (z. B. gegenüber allen Personen, die nicht zum engsten Familienkreis gehören). Dieses Schweigen tritt auf, obwohl die Sprechfähigkeit vorhanden ist. Ebenso ist die Redebereitschaft gegenüber einigen wenigen vertrauten Personen in vertrautem Umfeld gegeben. (Bahr, 2012, S. 14)

 

 Auch wenn selektiv mutistische Kinder an einigen Orten gehemmt, scheu oder ängstlich sind, zeigen diese oftmals ebenso ein aggressives Verhalten (z. B. Wutausbrüche oder Tyrannei) gegenüber Familienmitgliedern oder Tieren (Katz-Bernstein, 2011, S. 146).

 

Die internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (im Folgenden ICD-10) ordnet den selektiven Mutismus in die Gruppe F94 Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit und Jugend ein und wird dort unter dem Code F94.0 geführt (ICD-10-GM). In der ICD-10 werden neben der deutlichen Selektivität des Sprechens emotional bedingte sowie bestimmte Persönlichkeitsmerkmale (z. B. Sozialangst, Empfindsamkeit, Rückzug oder Widerstand) als Symptome beschrieben (ebd.). Betroffene meiden in den Phasen des Schweigens den Augenkontakt zu Ihrem Gegenüber und unterdrücken vegetative Geräusche wie Atmen oder Räuspern (Hartmann, Lange, 2013, S. 21). Selbst emotionale Äußerungen wie Weinen oder Lachen werden nicht gezeigt, die Mimik wirkt maskenhaft (ebd.). Das selektive Schweigen stellt eine unfreiwillige Handlung dar (Katz-Bernstein, 2011, S. 25f.).

 

Hinsichtlich der Ursachen und Risikofaktoren des selektiven Mutismus wird davon ausgegangen, dass mehrere unterschiedliche Faktoren zu dem konsequenten Schweigen führen (Subellok, Starke, 2012, S. 222). Als ein grundlegendes Risiko für die Entwicklung eines selektiven Mutismus wird eine extreme, vererbte Schüchternheit angenommen (ebd.). In diesem Zusammenhang wird oftmals ein erhöhtes Risiko von Mehrlingskindern beschrieben, einen selektiven Mutismus auszubilden, da hier genetische Einflussfaktoren und die besonders enge Bindung der Geschwister die individuelle Entwicklung beeinflussen (Subellok et al., 2010, S.112ff.). Weiterhin zeigten Studien, dass auch Familienmitglieder von sozialen Ängsten und selektivem Mutismus betroffen sind bzw. waren (u. a. Chavira et al. 2007, zit. n. Subellok, Starke, 2012, S. 222). Weitere verursachende Faktoren werden in den Bereichen des familiären Umfeldes (z. B. Beobachtung und Nachahmung elterlichen Verhaltens), Migration und Mehrsprachigkeit (z. B. erschwerte Entwicklungsbedingungen), der sprachlichen Entwicklung (z. B. Sprach- und Sprechstörungen) sowie bedeutender Lebensereignisse (z. B. Traumata) beschrieben (Subellok, Starke, 2012, S. 222f.). In Bezug auf die Ätiologie des selektiven Mutismus ist in der Literatur eine Vielzahl weiterer Erklärungsansätze zu finden, die unter anderem von der Fachdisziplin sowie dem Forschungsansatz der Autorinnen und Autoren abhängig ist (Katz-Bernstein, 2011, S. 36).

 

Bezüglich der Häufigkeit des selektiven Mutismus existieren keine zuverlässigen Zahlen (Bahr, 2012, S. 15). So sind ca. zwischen ein und sieben von 1000 Kindern betroffen (ebd.). Die Prävalenzrate ist lediglich durch eine geringe Anzahl an Studien belegt und liegt im Allgemeinen unter 1% (Plener, Spröber, 2013, S. 82). Die Geschlechterverteilung wird in der Literatur sehr konträr beschrieben (Katz-Bernstein, 2011, S. 31). Während einige Autoren eine erhöhte Prävalenz bei Mädchen beschreiben, widerlegen andere Quellen dies (ebd.). Die durchschnittliche Erkrankungsdauer wird bei Jungen mit 4;0 Jahren, bei Mädchen mit 5;6 Jahren angegeben (Schoor, 2009, S. 198). Der durchschnittliche Krankheitsbeginn liegt bei 4;1 Jahren (Steinhausen & Juzi, 1996, zit. n. Schoor, 2009, S. 198). Das Erkrankungsalter wird beim sogenannten Frühmutismus ab 3;4 – 4;1 Jahren, beim Spät-/Schulmutismus ab 5;5 Jahren angegeben (Katz-Bernstein, 2011, S. 29). Zur Inzidenz des selektiven Mutismus liegen keine aktuellen Zahlen vor. Älteren Quellen zufolge liegt diese zwischen 0,5% und 7% (Lorand 1960 & Muchitsch 1979, zit. n. Hartmann, 1992, S. 491).

 

Beim selektiven Mutismus müssen hinsichtlich der Komorbidität unter anderem Angststörungen, Belastungs- und Anpassungsstörungen, Zwangsstörungen, Störungen des Sozialverhaltens sowie depressive Erkrankungen berücksichtigt werden (Plener, Spröber, 2013, S. 85). „Kombinationen mit anderen Störungsbildern sind möglich, wobei hierbei jeweils die diagnostischen Kriterien beider Störungsbilder erfüllt sein müssen“ (Plener, Spröber, 2013, S. 85). Darüber hinaus konnte durch mehrere Studien die Komorbidität mit Sprach- und Sprechstörungen nachgewiesen werden (u. a. Remschmidt et al., 2001, zit. n. Melfsen, Warnke, 2009, S. 557). Die Komorbidität des selektiven Mutismus unterstreicht die Notwendigkeit einer differentialdiagnostischen Betrachtung, erschwert diese durch die komplexen Symptome jedoch auch. Neben der Ausschließung von Sprachstörungen aufgrund neurologischer Abbauprozesse (Hartmann, Lange, 2013, S. 20) ist aufgrund häufiger Verwechslungen die Abgrenzung des selektiven Mutismus zur Sprechangst sowie zum Autismus von großer Bedeutung.

 

Sprechangst vs. selektiver Mutismus (Subellok, Starke, 2012, S. 220): Sprechangst bezeichnet die meist im späteren Alter auftretende, bewusste Angst, vor jemandem zu sprechen (z. B. Publikumssituationen). Betroffene zeigen starke, zum Teil panikartige Fluchtreaktionen. Selektiver Mutismus hingegen beschreibt die unbewusste Angst, mit jemandem zu sprechen. Oftmals werden alternative nonverbale Kommunikationsmöglichkeiten eingesetzt. Der Krankheitsbeginn ist meistens im Kindesalter.

 

 Autismus vs. selektiver Mutismus (Hartmann, Lange, 2013, S. 19f.): Autistische Personen leben gleichbleibend zurückgezogen und stehen Wahrnehmungsreizen des Umfeldes ablehnend gegenüber. Sie unterscheiden nicht zwischen wichtigen und unwichtigen Reizen von außen. Ein emotionaler Kontaktaufbau ist nur schwer möglich, da die kommunikativen Fähigkeiten oftmals stark eingeschränkt sind. Selektiv mutistische Personen zeigen unterschiedliche Verhaltensweisen, kommunikativ und lebhaft bzw. schweigsam und gehemmt. In Situationen, in denen gesprochen wird, können Betroffene Emotionen zeigen bzw. ausleben. Weiterhin haben selektiv mutistische Personen keine Probleme, Reize zu unterscheiden.

 

Literaturangaben:

  • Bahr, R. (2012). Wenn Kinder schweigen. Redehemmungen verstehen und behandeln. Ein Praxisbuch. 5. Auflage. Ostfildern: Patmos Verlag der Schwabenverlag AG.
  • Hartmann, B. (1992). Zur Pathologie und Therapie des Mutismus. In: Grohnfeldt, M. (Hrsg.), Handbuch der Sprachtherapie. Band 5: Störungen der Redefähigkeit. Berlin: Edition Marhold im Wissenschaftsverlag Volker Spiess GmbH, S. 491 – 507.
  • Hartmann, B., Lange, M. (2013). Mutismus im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Für Angehörige, Betroffene sowie therapeutische und pädagogische Berufe. 6., überarbeitete Auflage. Idstein: Schulz-Kirchner Verlag GmbH.
  • ICD-10-GM (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme). 10. Revision. German Modification. Version 2014. Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend (F90-F98). Zugriff am 08.11.2013 auf: http://www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-gm/kodesuche/onlinefassungen/htmlgm2014/block-f90-f98.htm
  • Katz-Bernstein, N. (2011). Selektiver Mutismus bei Kindern. Erscheinungsbilder, Diagnostik, Therapie. 3., überarbeitete Auflage. München: Ernst Reinhardt Verlag GmbH & Co. KG.
  • Melfsen, S., Warnke, A. (2009). Selektiver Mutismus. In: Schneider, S., Margraf, J. (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Band 3: Störungen im Kindes- und Jugendalter. Heidelberg: Springer Medizin Verlag, S. 555 – 572.
  • Oppermann, T. (2014). Das diagnostische Vorgehen bei selektiv mutistischen Kindern im Alter von 4 – 11 Jahren in der ambulanten logopädischen Praxis – Eine Expertenbefragung – . Unveröffentlichte Master-Thesis. Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) Hildesheim/Holzminden/Göttingen.
  • Plener, P. L., Spröber, N. (2013). (S)elektiver Mutismus. In: Fegert, J. M., Kölch, M. (Hrsg.), Klinikmanual Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. 2. Auflage. Berlin, Heidelberg: Springer Verlag, S. 82 – 89.
  • Schoor, U. (2009). Mutismus. In: Grohnfeldt, M. (Hrsg.), Lehrbuch der Sprachheilpädagogik und Logopädie. Band 2: Erscheinungsformen und Störungsbilder. 3. Auflage. Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH, S. 193 – 207.
  • Subellok, K., Kresse, A., Bahrfeck-Wichitill, K. (2010). Gemeinsam schweigsam: Selektiver Mutismus bei Zwillingen. Teil I: Spezifische Risikofaktoren für die Entstehung und Aufrechterhaltung des Schweigens. In: Die Sprachheilarbeit, (3), S. 110 – 120.
  • Subellok, K., Starke, A. (2012). Selektiver Mutismus. In: Niebuhr-Siebert, S., Wiecha, U. (Hrsg.), Kindliche Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen. Gezielte Elternberatung. München: Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag, S. 219 – 237.